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Narrenblatt wird Tageszeitung
Die Abhängige für Mecklenburg-Vorpommern

Satow/SN.
Ganz im Gegenteil zu den Unkenrufen, die dem »Satower Narrenblatt« ein baldiges Ende voraussagen, eröffnen sich ihm neuerdings völlig neue Dimensionen. Es liegt das Angebot vor, das Blatt als Tageszeitung für ganz Mecklenburg-Vorpommern mit einer Auflage von mehr als 1 Million Exemplaren erscheinen zu lassen. Wer kommt auf die Idee, ein Narrenblatt landesweit aufzulegen?
Es war gleich zu Jahresbeginn, als in der Lokalredaktion in der Sonnenstraße, in der auf Hochtouren an der 9. Ausgabe gearbeitet wurde, eine Dame und ein Herr vorstellig wurden, die sich als Mitglieder des Vorstandes einer neu gegründeten Partei auswiesen. Die Partei, eine völlig neue, verzichte auf all das, was die etablierten Parteien beim Volke so in Misskredit gebracht hat. Das Grundprinzip »Mit gesundem Menschenverstand gegen zunehmende Volksverdummung« ziehe sich durch das Statut wie ein bunter Faden und finde letztendlich auch im Namen der Partei seinen Niederschlag: KEINER OFFIZIELLEN NACHRICHT TRAUEN (KONTRA). Das sei, so die beiden, die Quintessenz einer von unabhängigen Parteienforschern erstellten Analyse der Presselandschaft. Sie führten beispielhaft die Berichterstattung im Afghanistan-Konflikt an und wiesen für einige Lokalzeitungen nach, dass der Leser sich nicht einmal mehr auf den Wetterbericht und die Todesannoncen verlassen kann, weil selbst die noch geschönt werden. Sie wären auch bei einer sogenannten »Unabhängigen« vorstellig geworden, hätten aber von der Chefredakteurin Spinnerlinde Immer unmissverständlich zu verstehen bekommen: »So lange ich hier was zu sagen habe, kriegt Ihre Partei keinen Fuß auf's Parkett! Wir sind hier die Hofberichterstatter der Regierungsparteien und haben schließlich die Aufgabe, dass die wiedergewählt werden. Im Übrigen sind Ihre politischen Vorstellungen reif für's ›Satower Narrenblatt‹, dem ist genauso wenig zu helfen wie Ihnen!«
SNSo, und da standen sie nun in unserer Lokalredaktion, zwei ganz normale junge Menschen und waren felsenfest davon überzeugt, dass, wenn die »Unabhängige« abhängig sei, das bekennend abhängige Narrenblatt dann wohl unabhängig sein müsse. Die Koffer in ihren Händen ließen auf ein nicht zu verachtendes Parteivermögen schließen. Das Geld hätten sie aus der Kasse, in welche die Politiker immer einen Euro zahlen müssen, wenn sie der Lüge überführt würden. Damit war klar, dass das Geld eher das kleinere Problem für die Partei ist. Eigentlich hat sie nur drei wirkliche Probleme: Erstens ist sie zu ehrlich. Zweitens hat sie einen mangelnden Bekanntheitsgrad. Und drittens ist die politische Konkurrenz zu stark. Mit der Ehrlichkeit, nun gut, da kann ihr keiner helfen. Ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen und die Konkurrenz auszuschalten, da ist ein Narrenblatt genau das richtige. Weil dieses eben nicht Ernst genommen wird, aber im Unterbewusstsein Verhaltensmuster erzeugt, die in der Wahlkabine gnadenlos zuschlagen werden. Und so wird es dann gemacht: Als erstes werden die Kandidaten der anderen Parteien nacheinander platt gemacht: Zunächst wird der Kandidat von den Christdemokraten der Kirchensteuerhinterziehung überführt, dann wird der Sozialdemokrat als Alkoholiker bloß gestellt, der von den Grünen quält heimlich seine Katze, der Liberale nimmt sich zu viel Freiheit mit den Drogen und der Sozialist agierte früher schließlich unter einem zweiten Namen - das wird wirklich ganze Arbeit. Ein Kinderspiel nur noch, die beiden jungen Leute dem Wahlvolk als Garanten für eine heile Welt zu präsentieren. Um den Namen der Partei jedoch im ganzen Land unter das Volk zu bringen, wird das Narrenblatt täglich in die Haushalte flattern. Durch die gesunden Parteifinanzen ist dies problemlos möglich. Die etablierten Parteien erkennen dieses alles viel zu spät. Resigniert streichen sie im Wahlkampf ihre Segel.

Die Redakteure der »Unabhängigen« gehen in der Ostsee baden, lassen sich im Norden kurieren oder mischen sich in der Landeshauptstadt unters Volk, um zu ergründen, was ihre Unabhängigkeit ihnen eingebracht hat. KONTRA aber zieht mit großem Erfolg in den Landtag ein - ohne jegliches politisches Programm.
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Nr. 09 - 2002
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